4:17 Uhr morgens. Die Erde bebt. Gebäude stürzen ein, Straßen reißen auf, die Versorgung mit Strom, Wasser und Gas bricht zusammen. In Gdańsk und den umliegenden Gebieten herrscht Chaos. Menschen werden vermisst, zahlreiche Personen sind unter Trümmern eingeschlossen. Die örtlichen Einsatzkräfte arbeiten am Limit, internationale Hilfe wird angefordert.

Zum Glück war dieses Szenario nicht Realität, sondern Teil einer groß angelegten Such- und Rettungsübung Anfang Juni in Polen. Für die Einsatzkräfte von ISAR Germany fühlte sich die angenommene Katastrophe dennoch erschreckend real an. Über mehrere Tage trainierten die Teams unter Bedingungen, die einem internationalen Katastropheneinsatz so nah wie möglich kamen.

„Unser Ziel war es, ein möglichst realistisches Einsatzszenario zu schaffen, das die Teilnehmer fordert und gleichzeitig die Abläufe eines internationalen Katastropheneinsatzes möglichst authentisch abbildet“, erklärt Simon Gutzeit, Leiter der Exercise Control (EXCON) und verantwortlich für die Organisation der Übung. „Von den Einreise- und Registrierungsverfahren über den Aufbau des Camps bis hin zur Suche, Rettung und medizinischen Versorgung haben wir die gesamte Einsatzkette abgebildet. So können wir wertvolle Erkenntnisse gewinnen und uns optimal auf zukünftige Einsätze vorbereiten.“

Grundlage der Übung war ein fiktives Erdbeben der Stärke 7,2. Zahlreiche Gebäude waren eingestürzt, Straßen und Brücken beschädigt und weite Teile der Infrastruktur ausgefallen. Viele Menschen galten als verletzt, vermisst oder verschüttet. Für die Einsatzkräfte bedeutete dies die Annahme eines komplexen internationalen Einsatzes, bei dem jede Entscheidung Auswirkungen auf den weiteren Verlauf haben konnte.

Bereits die ersten Stunden der Übung orientierten sich an einem realen Auslandseinsatz. Nach der Einreise und den notwendigen Registrierungsverfahren erfolgte die Abstimmung mit den Behörden des betroffenen Landes. Anschließend errichtete ISAR Germany das eigene Base of Operations (BoO), das während der gesamten Übung als Unterkunft, Führungs- und Logistikzentrum diente.

Kaum war das Camp aufgebaut, begann die eigentliche Arbeit. Erkundungsteams verschafften sich einen Überblick über die Schadenslage, Suchbereiche wurden festgelegt und die Einsatzleitung entwickelte die taktische Vorgehensweise für die kommenden Stunden und Tage.

Im Mittelpunkt stand die Suche nach verschütteten Personen. Rettungshunde arbeiteten sich konzentriert durch die Trümmerfelder, während moderne Ortungstechnik dabei half, eingeschlossene Personen aufzuspüren. Nach erfolgreicher Lokalisierung begannen die technischen Rettungsmaßnahmen. Zugänge wurden geschaffen, Betonstrukturen geöffnet und die simulierten Verletzten aus den Trümmern gerettet.

Auch anspruchsvolle Rettungen aus Höhen und Tiefen gehörten zum Übungsprogramm. Ob in beschädigten Gebäudestrukturen, engen Schächten oder schwer zugänglichen Bereichen – die Teams mussten ihr technisches Können, ihre Kreativität und ihre Zusammenarbeit immer wieder unter Beweis stellen.

Nach jeder Rettung übernahmen die medizinischen Teams die Versorgung der Betroffenen. Dabei wurde das Zusammenspiel aller Fachbereiche trainiert – von der Suche über die technische Rettung bis hin zur medizinischen Behandlung. Genau dieses Zusammenspiel macht den Erfolg internationaler Katastropheneinsätze aus.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Übung war die Unterstützung durch die polnische Feuerwehr. Bereits in der Vorbereitung brachten die polnischen Partner ihre Erfahrung ein und sorgten für realistische Rahmenbedingungen. Während der gesamten Übung begleiteten erfahrene Ausbilder und Classifier die Teams von ISAR Germany, beobachteten die Abläufe und gaben wertvolle Rückmeldungen aus ihrer langjährigen Praxis.

Besonders beeindruckend war während der Übung das Zusammenspiel der verschiedenen Fachbereiche. Viele Abläufe griffen bereits gut ineinander und die Teams zeigten, mit welchem Engagement, welcher Motivation und welchem Fachwissen sie sich auf internationale Einsätze vorbereiten.

„Übungen wie diese sind für uns von unschätzbarem Wert“, sagt Ralf Heuberg, Geschäftsführer von ISAR Germany. „Sie geben uns die Möglichkeit, unsere Abläufe unter realistischen Bedingungen zu testen, Erfahrungen zu sammeln und uns kontinuierlich weiterzuentwickeln. Die zahlreichen Hinweise und Empfehlungen der polnischen Ausbilder und Classifier werden wir nun sorgfältig analysieren und in unsere weitere Ausbildung einfließen lassen.

Was unser Team während dieser Übung geleistet hat, verdient große Anerkennung. Über mehrere Tage hinweg haben unsere Helferinnen und Helfer mit viel Engagement, Fachwissen und Teamgeist gearbeitet und sich den unterschiedlichsten Herausforderungen gestellt. Besonders beeindruckend ist dabei, dass all dies ehrenamtlich geschieht – neben Beruf, Familie und den Verpflichtungen des Alltags.

Mein Dank gilt allen, die ihre Zeit, ihre Energie und ihre Erfahrung in diese Übung eingebracht haben. Ohne dieses außergewöhnliche Engagement wäre die Arbeit von ISAR Germany nicht möglich. Ich bin stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben.“